Wer glaubte, über die Liebe sei bereits alles gesagt, geschrieben und gesungen worden, den erwartete am Samstag in der Stadthalle Zerbst bei der Uraufführung des Oratoriums „Liebe“ von der Güterglücker Komponistin, Liedermacherin und Schriftstellerin Marita Schröder eine Überraschung. Die Aufführung stand unter der Schirmherrschaft des Zerbster Bürgermeisters Helmut Behrendt und begeisterte etwa 280 Zuhörer.
Das Werk ist der letzte Teil einer Trilogie, die „Licht“, „Leben“ und nun schließlich „Liebe“ als Wege zu Gott beschreibt und in unserer komplizierten Zeit, in der wir Menschen uns voneinander und vom Wesen unseres eigentlichen Seins zunehmend zu entfernen drohen, nach den Grundlagen und somit nach dem Sinn eines menschenwürdigen Lebens fragt. In ihrer einführenden Rede machte die Künstlerin ihr Anliegen deutlich. Sie sprach von der einigenden Kraft der Weltreligionen und zeigte auf, dass es viel mehr verbindende als trennende Aspekte zwischen ihnen gibt. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind die Grundwerte jeder Religion gleich, denn es gilt, die einzigartigen Fähigkeiten des Menschen „durch geeignete Erziehung“ so auszubilden, dass „von ganzem Herzen Freundschaft mit allen Rassen auf Erden“ möglich wird. Somit bietet das Oratorium „Liebe“ nicht nur für allgemein zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch im Kontext schwieriger internationaler Konflikte der heutigen Zeit eine Lösung und Handlungsorientierung an.
Marita Schröder verwendet wie schon in den vorangegangenen Teilen auch in ihrem neuen Werk Texte aus den Schriften der jüngsten Weltreligion, der Bahá’i-Religion, die in ihrer Eindringlichkeit und Poesie den Zuhörer in ihren Bann ziehen und zum Nachdenken anregen. Im Text heißt es: „Der Mensch ist der höchste Talisman. Der Mangel an geeigneter Erziehung hat ihn jedoch dessen beraubt, was er seinem Wesen nach besitzt. ... Betrachte den Menschen als ein Bergwerk reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert. Nur die Erziehung kann bewirken, dass er seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.“
Die Handlung des Oratoriums ist schnell erzählt: Zwei junge Menschen, Tina (Carolin Schröder) und Steffen (Markus Liebscher) werden bei ihren Hochzeitsvorbereitungen von Zweifeln geplagt und stellen sich die Frage, ob ihre Liebe wirklich stark genug sei, den Stürmen des Lebens zu widerstehen, oder ob es die wahre Liebe überhaupt gibt. Resignierend stellen sie fest: „Wir haben schon so viel gelernt in unserem kurzen Leben. Doch was man für die Ehe braucht, hat uns kein Schulfach gegeben.“ Auch das Fernsehen scheint ein ungeeignetes Mittel zu sein, Menschen die Wahrheit über die Liebe zu vermitteln. Ein Alter Mann (Klaus Steinberg), der die zweifelnden Fragen mit anhört, schlägt den jungen Leuten vor, sich mit dem Wesen der Liebe zu beschäftigen und sich einer Prüfung zu unterziehen, bevor sie den Bund fürs Leben schließen. Tina und Steffen gehen auf die Bedingungen ein und beginnen ein besonderes Studium. Als Lehrmeister erklärt ihnen der Alte Mann: „Die Krankheit, die die Welt befallen hat, besteht im Mangel an Liebe und Uneigennützigkeit. In den Herzen der Menschen ist keine wirkliche Liebe zu finden ... Nur die geistigen Lehren der Religion Gottes können diese Liebe, Einheit und Einmütigkeit in den Menschenherzen schaffen.“ Indem Tina und Steffen aus dem erworbenen Wissen heraus in ihrer gemeinsamen Ohnmacht den entscheidenden Schritt tun, sich Gott anvertrauen und auf ihre eigene Stärke bauen, können sie in der abschließenden Prüfung bestehen, denn sie haben das Wesen der Liebe verstanden: „Wir haben nun dazugelernt für unser ganzes Leben ... Liebe wird möglich mit und durch Gott. Liebe kann man lernen, ... Liebe ist nicht nur ein Traum. Liebe kann man greifen, Liebe kann man seh’n. Lasst uns Liebe bau’n!“
In musikalischer Hinsicht ist das Werk der Güterglücker Künstlerin durch große Vielfalt und überraschende Effekte gekennzeichnet. Anmutungen und Einflüsse aus verschiedenen Richtungen der traditionellen und modernen Musik standen Pate für die Duette und Soli, von denen einige dem Publikum sogleich als Ohrwurm im Gedächtnis haften blieben und die bei den Zugaben mit besonders stürmischem Applaus und stehenden Ovationen bedacht wurden. Die außergewöhnliche, äußerst sparsame, aber einfühlsame Orchesterbesetzung unterstrich in geeigneter Weise den Grundgedanken des Werkes.
Als Instrumentalisten wirkten Karin Wilck-Möller (Klavier), Tabea Liebscher (Cello), Annette Liebscher (Violine), Jordan Kanev (Querflöte), Günter Schaumberger (Trompete), Hiltrud Oehlkers (Blockflöte) und Hanno Lenk (Trommel) mit.
Bemerkenswert waren vor allem auch die emotional stark ansprechenden gesanglichen und darstellerischen Leistungen der Solisten Christiane Noltenius (Sopran), Carolin Schröder und Markus Liebscher.
Der außergewöhnliche Chor „Stimmen der Einheit“ besteht in wechselnder Besetzung seit der Einstudierung des Werkes „Licht“ im Jahr 2000 und ist inzwischen zu einem Ensemble aus ca. 40 Mitgliedern, die aus verschiedensten Regionen Deutschlands zusammenkommen, gewachsen. Die facettenreichen, rhythmisch wie auch von der Melodik her anspruchsvollen Chorsätze des Oratoriums wurden in nahezu professioneller Weise gemeistert.
Das stimmige Bühnenbild unterstrich durch einfachste Ausstattung und Symbolik das Anliegen des Werkes. Die Enthüllung einer leuchtend roten Blume am Revers der Sänger versinnbildlichte die allumfassende Einheit und Liebe, die das höchste Ziel der Menschengemeinschaft bilden sollen.
Insgesamt war dieser Abend unter der künstlerischen Gesamtleitung von Marita Schröder ein emotional tief bewegendes Erlebnis. Es bleibt nur zu wünschen, dass der zutiefst humane Grundgedanke des Oratoriums auf fruchtbaren Boden fallen und zahlreiche Blüten tragen möge.
Birgit Pflug, Zerbst (Erschienen in der Zerbster Volksstimme vom 28.10.2006)